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Der Idiot
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Der Idiot (russisch Đ˜ĐŽĐžĐŸŃ‚ Idiot) ist der Titel eines zuerst von Januar 1868 bis Februar 1869 in der Zeitschrift Russki Westnik publizierten Romans Fjodor Dostojewskis, der von der Literaturwissenschaft in die Reihe seiner großen Werke eingeordnet wird. Darin fĂŒhrt der Autor den „Hauptgedanke[n] des Romans“ durch, in einer Art Experiment einen „im positiven Sinne schönen Menschen“cite-ref-1[1] – den jungen FĂŒrsten Myschkin – nach einem langen Schweizer Refugium mit der zeitgenössischen Petersburger Gesellschaft zu konfrontieren. In seiner naiven, unkonventionellen Art begegnet der an Epilepsie leidende, psychisch labile Protagonist den Menschen in ihren persönlichen und sozialen Spannungen und WidersprĂŒchen und ihrem daraus resultierenden Leid und scheitert tragisch in seinen BemĂŒhungen, ihnen zu helfen. Die erste deutsche Übersetzung von August Scholz erschien 1889, viele weitere folgten (s. Entstehungs- und Publikationsgeschichte).

Contents

‱ Inhalt
‱ Analyse
‱ Adaptionen
‱ Opern
‱ Film
‱ Hörspiel
‱ Weblinks

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Inhalt

Der 26-jĂ€hrige FĂŒrst Lew Myschkincite-ref-2[2] kehrt nach einem fĂŒnfjĂ€hrigen Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium an einem Novembermorgen nach Russland zurĂŒck, um in Sankt Petersburg nach dem Tod eines Verwandten eine Erbschaftsangelegenheit zu klĂ€ren. Obwohl seine Epilepsie erfolgreich behandelt wurde, haben sich durch seine Isolation kindlich-naive Verhaltensweisen erhalten, und er wird von der Gesellschaft als „Idiot“, in der Bedeutung eines weltfremden Sonderlings, belĂ€chelt.

Der erste Tag in Petersburg

Im ersten, an einem Tag spielenden Romanteil lernt der FĂŒrst Familien des wohlhabenden Mittelstandes kennen, schließt Freundschaften mit einigen Mitgliedern und erhĂ€lt so Zugang sowohl zum privilegierten Kreis als auch zu gesellschaftlich nicht geachteten Randgruppen. Dabei werden die Haupt- und Nebenfiguren vorgestellt und das Beziehungsgeflecht mit den Konfliktsituationen um den Protagonisten herum aufgebaut.

Dieser erste Teil hat vier Schwerpunkte: Erstens die Bekanntschaft Myschkins mit dem Kaufmann Rogoschin und dem Beamten Lebedew im Zug (1. Kapitel); zweitens der Besuch bei seinen entfernten Verwandten, der Familie des Generals Jepantschin, seiner Frau Lisaweta und den Töchtern Alexandra, Adelaida und Aglaja (2. bis 7. Kapitel); drittens mietet er ein Zimmer bei der verarmten Familie Iwolgin (8. bis 12. Kapitel), und viertens nimmt er an der Geburtstagsfeier Nastassja Filippowna Baraschkowas (13. bis 16. Kapitel) teil, der sozial ausgegrenzten Geliebten des reichen Großgrundbesitzers Tozkij, der sie mit Gawrila Iwolgin verheiraten möchte. Der junge Mann bekommt an diesem Tag jedoch zwei Konkurrenten: Rogoschin, der 100.000 Rubel bietet, und Myschkin, welcher durch seine Werbung die anderen Verbindungen und damit das seiner EinschĂ€tzung nach vorhersehbare UnglĂŒck der Beteiligten verhindern möchte. Am nĂ€chsten Tag verlassen der FĂŒrst, Nastassja und Rogoschin Petersburg, und es entwickelt sich zwischen ihnen eine tragisch endende Liebesbeziehung.

Die zweite RĂŒckkehr nach Petersburg

Im 2. Teil kommen, nach einem Zeitsprung von sechs Monaten (1. Kapitel), Anfang Juni Rogoschin, Nastassja und Myschkin (2. Teil, 1. Kapitel) getrennt wieder nach Petersburg zurĂŒck, nachdem sie in wechselnden, jeweils mit einer Trennung endenden Beziehungen zusammengelebt haben. Am Ankunftstag erfĂ€hrt der FĂŒrst von Lebedew (2. Kapitel), dass sich die einstige Geliebte in Petersburg wieder mit Rogoschin trifft und sich oft bei ihrer Freundin Darja Alexejewna in Pawlowsk aufhĂ€lt. Da sein Informant dort ebenfalls ein Landhaus hat, mietet der FĂŒrst darin eine Wohnung. Sein nĂ€chster Weg fĂŒhrt ihn zu Rogoschins dĂŒsterem Haus (3. bis 4. Kapitel). Er will sich mit dem Rivalen darĂŒber verstĂ€ndigen, dass sie sich nicht befeinden, sondern der Geliebten die Entscheidung ĂŒberlassen. Doch dieser kann, trotz ihres versöhnlichen GesprĂ€chs, seine Eifersucht nicht kontrollieren und folgt ihm in den Gasthof „Zur Waage“, um ihn zu erstechen. Dieser Mordanschlag wird jedoch durch Myschkins Epilepsieanfall verhindert (5. Kapitel). Als die beiden sich spĂ€ter in Pawlowsk treffen, vergibt der FĂŒrst dem Rivalen seine Tat, die er als unbegrĂŒndeten Hass und „Fiebertraum“ erklĂ€rt (3. Teil, 3. Kapitel).

Sommer in Pawlowsk

Die Handlung verlagert sich anschließend fĂŒr einen Monat nach Pawlowsk (2. Teil, 6. Kapitel bis 4. Teil), wo die wohlhabenden Petersburger, u. a. Jepantschin, Ptizyn, Lebedew, in einer Parklandschaft gelegene HĂ€user besitzen, in denen sie mit Freunden und Verwandten die Sommertage verbringen. In dieser Zeit besuchen sie sich gegenseitig, tauschen GerĂŒchte aus und fĂŒhren GesprĂ€che ĂŒber ihre Beziehungen mit gegenseitigen Analysen sowie kontroverse, teils labyrinthisch-komische Diskussionen ĂŒber aktuelle politisch-gesellschaftliche und philosophische Themen, etwa ĂŒber die gefĂ€hrlichen atheistischen oder anarchistischen Jugendlichen, denen alles erlaubt sei (2. Teil, 8. und 9. Kapitel), ĂŒber den russischen Liberalismus, die Vaterlandsliebe, das neue, den Verbrechern gegenĂŒber verstĂ€ndnisvolle Gerichtswesen (3. Teil, 1. Kapitel) oder das „Gesetz der Selbstzerstörung“ und das gleich starke „Gesetz der Selbsterhaltung [
] in der Menschheit“ (3. Teil, 4. Kapitel). Dabei werden die Charakterisierungen aus dem ersten Teil erweitert und bisherige Randfiguren exponiert.

Im 7. Kapitel und in der weiteren Handlung taucht der todkranke Ippolit Terentjew, der mit Kolja Iwolgin befreundete Sohn der Geliebten seines Vaters, als ideologische Kontrastfigur zu Myschkin auf. Er erscheint mit zwei anderen jungen MĂ€nnern beim Protagonisten (2. Teil, 7. bis 10. Kapitel) und behauptet, sein Freund Antip Burdowskij sei der uneheliche Sohn von Myschkins WohltĂ€ter Pawlischtschew und der FĂŒrst mĂŒsse diesem die geleistete UnterstĂŒtzung fĂŒr seine Erziehung und den Schweizer Aufenthalt zurĂŒckerstatten. Die Gruppe stellt ihre Forderung in einen revolutionĂ€ren Kontext: Myschkin habe als Nutznießer des Feudalsystems zufĂ€llig, ohne eigene Verdienste ein großes Vermögen geerbt. Als dieser, obwohl er die Unwahrheit der Vaterschaft seines Förderers belegen kann, bereit ist, Antip finanziell zu unterstĂŒtzen, weisen die AnklĂ€ger seine Barmherzigkeit zurĂŒck und erheben einen moralischen Anspruch. Trotzdem sind sie von der Haltung des FĂŒrsten beeindruckt und diskutieren bei weiteren Besuchen mit ihm ihre Thesen. Einen Schwerpunkt bildet dabei Ippolits Traktat »Meine notwendige ErklĂ€rung „Apres moi le dĂ©luge“ [Nach mir die Sintflut]« (3. Teil, 5. bis 7. Kapitel) ĂŒber sein Sterben und das existentialistische Weltbild, das mit Myschkins orthodoxem Christentum und seiner Vision vom Adel als der sich seiner Verantwortung fĂŒr die Menschen besinnenden Reformkraft Russlands kontrastiert (4. Teil, 7. Kapitel).

Die Haupthandlung der Teile 2 bis 4 setzt den Beziehungskonflikt fort und erweitert die zerstörerische Dreieckskonstellation um die Liebesbeziehung des FĂŒrsten zu Aglaja Jepantschin. Trotz Anzeichen fĂŒr einen Ausgleich dominieren die RivalitĂ€ten zunehmend die Entwicklung und beschleunigen das tragische Ende Myschkins, Rogoschins und Nastassjas.

WĂ€hrend sich der FĂŒrst aktiv um Nastassja bemĂŒht hat, geht bei der Konkurrenzbeziehung die Initiative, Mitte des zweiten Teils, von Aglaja aus. Dies steht im Zusammenhang mit Nastassjas PlĂ€nen. In ihrer widersprĂŒchlichen, sprunghaften Art möchte sie, um ihr Gewissen zu entlasten, Myschkin zu seinem GlĂŒck verhelfen, anstatt ihn in ihren schicksalhaften Abgrund hineinzuziehen. Deshalb schreibt sie Aglaja, die bereits eine Zuneigung zum FĂŒrsten empfindet, dieser sei in sie verliebt und sie solle ihn heiraten. Gleichzeitig stellt sie den Offizier Jewgenij Radomskij, einen potentiellen BrĂ€utigam der Rivalin, öffentlich bloß. Aglaja reagiert jedoch auf Eheempfehlungen bzw. -vorschriften, auch aus ihrer Familie (3. Teil, 8. Kapitel), grundsĂ€tzlich verĂ€rgert, weil dies ihrer Vorstellung von einer emanzipierten Frau widerspricht. Andererseits liest sie die Briefe, in richtiger Interpretation, als indirekte LiebeserklĂ€rungen der Schreiberin an Myschkin und wird dadurch eifersĂŒchtig. Nun provoziert sie den FĂŒrsten zuerst mit einem Gedichtvortrag, mit dem sie seine idealistische Hingabe fĂŒr die sozial geĂ€chtete Geliebte als seine ĂŒberirdische Vision parodiert (2. Teil, 7. Kapitel). Dann verspottet sie ihn Anfang des dritten Teils als ernsthaften Heiratskandidaten (3. Teil, 2. Kapitel), bietet ihm jedoch ihre Freundschaft an, wenn er sie bei der Flucht aus ihrem Elternhaus unterstĂŒtzt (3. Teil, 8. Kapitel), droht andererseits mit ihrer VermĂ€hlung mit Gawrila und zwingt ihn schließlich, sich fĂŒr oder gegen eine Werbung zu entscheiden (4. Teil, 5. Kapitel). Darauf bekennt Myschkin ihr seine Liebe und macht ihr einen Heiratsantrag. Sie lĂ€sst jedoch ihre Antwort offen, und die Jepantschins testen den potentiellen BrĂ€utigam bei einer Abendveranstaltung, wo seine durch einen Epilepsieanfall beendeten philosophischen Reden von den meisten GĂ€sten nicht verstanden und belĂ€chelt werden (4. Teil, 7. Kapitel). FĂŒr Aglaja ist, trotz des Misserfolgs der PrĂ€sentation, die Entscheidung noch nicht gefallen. Sie sucht die Auseinandersetzung mit Nastassja (4. Teil, 8. Kapitel), beleidigt diese mit dem Hinweis auf ihre unterschiedlichen sozialen Positionen und wirft ihr egoistische Besitzgier und selbstverliebte öffentliche Inszenierungen vor. Nastassja will darauf in einem hysterischen Anfall ihre persönliche Macht demonstrieren und befiehlt Rogoschin zu verschwinden und dem FĂŒrsten, sie zu heiraten. Als Aglaja darauf das Haus verlĂ€sst, bleibt Myschkin in seiner mitleidigen Liebe bei der bewusstlos am Boden liegenden Nastassja (4. Teil, 8. Kapitel). Damit ist fĂŒr Aglaja die Ehefrage gelöst, und sie reist mit der Familie zu ihrem Gut in Kolmino ab. ZurĂŒck bleibt die alte Dreierbeziehung mit dem eifersĂŒchtigen Rogoschin. Myschkins und Nastassjas Hochzeit wird Anfang Juli terminiert, doch die Braut kehrt vor der Kirche um, wie bereits zuvor, und fĂ€hrt mit Rogoschin in sein Haus nach Petersburg (4. Teil, 10. Kapitel), wo er sie ersticht. Als Myschkin dort am nĂ€chsten Tag ihre Leiche findet, wird er wahnsinnig und muss in das Schweizer Sanatorium zurĂŒckgebracht werden.

Entstehungs- und Publikationsgeschichte

Dostojewskis Arbeit an seinem zweiten großen Roman, fĂŒr den er von seinem Verleger Katkoff 3000 Rubel Vorschuss erhalten hatte, war ĂŒberschattet durch viele Probleme wĂ€hrend seines als Hochzeitsreise geplanten Auslandsaufenthalts: Verschuldung, Spielleidenschaft, Krankheit und Tod seiner kleinen Tochter Sofija. Er begann die erste Fassung im September 1867 in Genf, war jedoch mit seiner Niederschrift unzufrieden und Ă€nderte Anfang Dezember seinen Plan.

Die Entstehungsgeschichte hat Dostojewski in seinen NotizbĂŒchern dokumentiert. Die ersten EntwĂŒrfe konzipieren als Hauptfigur einen „herrschsĂŒchtigen, leidenschaftlichen“ Intellektuellen, zu dem „als Gegengewicht [
] die Gestalt eines einfĂ€ltig-gĂŒtigen Menschen auftaucht“.cite-ref-3[3] Dieser Anti-Held dominiert seit Mitte November die Planung, wĂ€hrend sein Gegenspieler nur als Diskussionsfigur, aber nicht als die Aktionen bestimmende Person in Ippolit erhalten bleibt. Die von Dostojewski in seinen EntwĂŒrfen als „FĂŒrst Christus“ bezeichnete und von Aglaja als „armer Ritter“ bespöttelte Mittelpunktsgestalt, die als Gravitationszentrum alle Handlungen auf sich zieht,cite-ref-4[4] folgt nicht einem einfachen Gut-Böse-Schema, sondern ist „ein echter Dostojewski“:cite-ref-5[5] Er handelt mitleidig durch EinfĂŒhlung in die böse Seele und ihre Deformation, aber auch in Erkenntnis seiner eigenen Situation und macht sich wenig Illusionen ĂŒber den Erfolg seiner Hilfsaktionen.

Der grĂ¶ĂŸte Teil des Werkes entstand den Sommer ĂŒber in Vevey am Genfer-See, wo der Autor und seine zweite Frau Anna Grigorjewna Snitkina sich im Mai 1868 niederließen.cite-ref-6[6] Der Roman wurde im Dezember 1868 in Mailand und Florenz abgeschlossen,cite-ref-7[7] erschien aber bereits von Januar 1868 an (bis Februar 1869) in Fortsetzungen in der Zeitschrift Russki Westnik.cite-ref-8[8]

Deutsche Übersetzungen

Die deutsche Erstausgabe erschien, wie die meisten Übertragungen von Dostojewskis Arbeiten ins Deutsche, erst nach dem Tod des Autors (1881): 1889 im S. Fischer Verlag in der Übertragung von August Scholz.

Im frĂŒhen 20. Jahrhundert ĂŒbersetzte Elisabeth Kaerrick unter dem Pseudonym E. K. Rahsin, unterstĂŒtzt von ihrer Schwester Lucy Moeller und Arthur Moeller van den Bruck, Dostojewskis Gesamtwerk.cite-ref-9[9] In derselben Zeit entstanden auch Übertragungen von Arthur Luther (dtv, 1999, Winkler Weltliteratur, Artemis und Winkler, 2005), Hermann Röhl (Insel Verlag, Bibliothek der Romane, Berlin 1920, Liwi Verlag 2021), Rose Herzog (Gutenberg-Verlag: Wien / Hamburg / ZĂŒrich, 1930) und Klara Brauner, (Ladyschnikow Berlin, BĂŒchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1962).

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen Übersetzungen von Hartmut Herboth (Aufbau-Verlag Berlin, 1986, 2021) und, stark beachtet und rezensiert, Swetlana Geier (zuerst 1996 bei Ammann und 2021 als Fischer-Taschenbuch).cite-ref-10[10]

ErzÀhlform

Ein anonymer ErzĂ€hler, der dem Leser gegenĂŒber vertraulich von „unserer ErzĂ€hlung“ (z. B. 4. Teil, 1. und 4. Kapitel) spricht, verfolgt den Handlungsverlauf vorwiegend aus der Perspektive des Protagonisten, was an eine personale Form erinnert, gibt aber auch Einblicke in das Denken seiner GesprĂ€chspartner und erklĂ€rt es (z. B. 2. Teil, letzter Abschnitt des 2. Kaps.). In auktorialer Weise stellt er ebenso die anderen Personen und ihre Biographien (die Jepantschins: 1. Teil, 2., 4., 5. Kapitel, Ardalion Iwolgin: 4. Teil, 3. Kapitel) vor, kommentiert und beurteilt ihr Verhalten und stellt selbst Vermutungen an (Warwara: 4. Teil, 5. und 6. Kapitel, Myschkin: 10. Kapitel), beschreibt deren Wohnungen und HĂ€user (Iwolgin: 1. Teil, 8. Kapitel, Lebedew: 2. Teil, 6. Kapitel) und gibt Hintergrundinformationen ĂŒber Entwicklungen und ZusammenhĂ€nge (4. Teil, 9. und 12. Kapitel). Einzelne Teile beginnt er mit Abhandlungen ĂŒber die Praktiker oder die Alltagsmenschen im Vergleich zu den Ausnahmeerscheinungen (3. Teil, 1. Kapitel, 4. Teil, 1. Kapitel).

Meist integriert jedoch der ErzĂ€hler die Information realistisch in die Handlung. Oft geschieht dies durch Briefe. Oder er berichtet von GerĂŒchten wĂ€hrend der Abwesenheit des FĂŒrsten und von Reaktionen seiner Petersburger Bekannten (2. Teil, 1. Kapitel). Auch signalisiert er gelegentlich sein eingeschrĂ€nktes Wissen ĂŒber einzelne Personen: „Leider ist es uns unmöglich gewesen, ZuverlĂ€ssiges darĂŒber zu erfahren, wie sie [Radomskij und Wjera Lebedew] solche Beziehungen haben anknĂŒpfen können [
] es ist wohl anzunehmen [
] das wissen wir nicht.“ (4. Teil, 12. Kapitel).

DarĂŒber hinaus entsteht durch die vielen GesprĂ€che, in denen die Teilnehmer ihre Erlebnisse schildern, durch das Vorlesen der Abhandlung Ippolits und die kontroversen Diskussionen ein polyperspektivisches Bild. Michail Bachtin hat Dostojewskis literarisches Werk deshalb als polyphon beschrieben: Es wĂŒrden „nicht eine Vielzahl von Charakteren und Schicksalen in einer einheitlichen, objektiven Welt im Lichte eines einheitlichen Autorenbewusstseins entfaltet, sondern eine Vielfalt gleichberechtigter Bewusstseine mit ihren Welten wird in der Einheit eines Ereignisses miteinander verbunden, ohne dass sie ineinander aufgehen“.cite-ref-11[11]

Analyse

Pragmatiker und Durchschnittsmenschen

Auf VorwĂŒrfe der Raskolnikow-Rezeption, es fehlten im Roman die normalen Menschen des Alltags,cite-ref-12[12] verteidigt sich der Autor zu Beginn des vierten Teils: „In der Regel schildern die Schriftsteller [
] nur solche Typen der Gesellschaft, die es in Wirklichkeit nur Ă€ußerst selten in so vollkommenen Exemplaren gibt, wie die KĂŒnstler sie darstellen, die aber als Typen nichtsdestoweniger fast noch wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind. [
] [I]n der Wirklichkeit [sei] das Typische der einzelnen Personen gewissermaßen wie mit Wasser verdĂŒnnt“. Aber „[e]in Roman, der nur ‚Typen’ enthĂ€lt, nur Sonderlinge und Ausnahmemenschen, wĂŒrde nicht Wiedergabe der Wirklichkeit und vielleicht sogar nicht einmal interessant sein.“ Denn diese Menschen enthielten in ihren meist vergeblichen BemĂŒhungen, der Routine zu entkommen, „auch in ihrer Art etwas Typisches: als die AlltĂ€glichkeit selbst, die um keinen Preis das, was sie ist, bleiben und um jeden Preis originell und selbstĂ€ndig erscheinen möchte, auch ohne nur im geringsten die Gaben zur SelbstĂ€ndigkeit zu besitzen.“ (4. Teil, 1. Kapitelcite-ref-13[13]). Deshalb erklĂ€rt er den Auftritt von Alltagsmenschen in seinem Roman in den die Teile drei und vier einleitenden Abhandlungen.

Im ersten Kapitel des 3. Teils greift der ErzĂ€hler die Behauptung auf, dass es in Russland keine Praktiker gebe, die vernĂŒnftige Planungen durchfĂŒhren könnten (3. Teil, 1. Kapitel). Doch das bestreitet er ironisch, denn Ordnung, Anstand, Zaghaftigkeit, Mangel an eigener Initiative, an Geist und OriginalitĂ€t seien doch gerade weltweit die Merkmale eines tĂŒchtigen und brauchbaren Tatmenschen, die v. a. mit dem Gelderwerb und guten Beziehungen befasst seien. Und so fĂŒrchte man auch in Russland VerĂ€nderungen und orientiere sich am Ideal von einem praktischen Menschen. Diese Betrachtungen dienen als Einleitung zur PrĂ€sentation des Generals Iwan Fjodorowitsch Jepantschin und seiner Familie.

Seine Überlegungen setzt der ErzĂ€hler im ersten Kapitel des vierten Teils mit seiner Abhandlung ĂŒber den „Dutzendmenschen“ fort und nennt als Beispiele dafĂŒr den Kaufmann Iwan Petrowitsch Ptizyn, seine Frau Warwara Ardalionytsch und deren Bruder Gawrila Ardalionytsch Iwolgin. Beispielhaft fĂŒr diese praktischen und alltĂ€glichen Personen sind ihre sozialen und finanziellen Aufstiegs- bzw. Erhaltungsstrategien. Die verarmte Generalsfamilie Iwolgin wird beim Besuch des FĂŒrsten vorgestellt (1. Teil, 8. Kapitel) Hier findet er ein buntes Bild vor: der verschuldete und, v. a im betrunkenen Zustand, sich in seine LĂŒgengebĂ€ude einspinnende, verabschiedete General Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin, den seine Frau Nina Alexandrowna mit Marfa Borissowna (1. Teil, 12. Kapitel), der Witwe des Hauptmanns Terentjew, teilen muss, die er trotz seiner Geldnöte finanziell unterstĂŒtzt. Der aufstiegsorientierte Gawrila. Seine 23-jĂ€hrige Schwester Warwara, die den sieben Jahre Ă€lteren Kaufmann Ptizyn heiratet, wodurch im 3. und 4. Teil die ganze Familie in dessen Haus Unterkunft und UnterstĂŒtzung erhĂ€lt. Der 15-jĂ€hrige Gymnasiast Nikolai (Kolja) Ardalionytsch, der sich mit Myschkin befreundet (1. Teil, 11. Kapitel) und sein treuester AnhĂ€nger und Helfer wird. Der FĂŒrst versucht in seiner versöhnlichen Art, v. a. im dritten und vierten Romanteil, die großen Spannungen zwischen den Familienmitgliedern zu mildern, z. B. den Hass Gawrilas auf seinen Vater, wenn dieser sich bei seinen Zuhörern wegen seiner Phantastereien lĂ€cherlich macht.

Zu dieser Gruppe zĂ€hlt auch Lebedew, ein Zentrum des Informationsflusses (2. Teil, 6. Kapitel), denn er weiß ĂŒber alle lokalen Ereignisse Bescheid und fördert durch seine Schwatzhaftigkeit zufĂ€llig oder auch gezielt Intrigen, die dann wieder bei ihm von seinen Besuchern diskutiert werden. Sein Haus ist somit Schauplatz einer Reihe von ausfĂŒhrlich erzĂ€hlten Nebenhandlungen, z. B. der Diebstahl und die spĂ€tere anonyme RĂŒckgabe der mit 400 Rubeln gefĂŒllten Brieftasche Lebedews vermutlich durch den mittellosen Nachbarn Ardalion Iwolgin, und die BemĂŒhungen aller Beteiligten um eine ehrenhafte Lösung fĂŒr den alten Freund (3. Teil, 9. Kapitel, 4. Teil, 3. Kapitel).

HeiratsplÀne und Aufstiegsorientierung der Mittelschicht

Bereits durch seine ersten GesprĂ€che erhĂ€lt der Protagonist Einblicke in Karriere- und HeiratsplĂ€ne (1. Teil, 3. und 4. Kapitel) einer gut situierten und gesellschaftlich anerkannten Familie der wohlhabenden Mittelschicht. Lisaweta Prokofjewna Jepantschinas Gemahl versucht gerade einen fĂŒr ihn vorteilhaften Plan einzufĂ€deln. Sein ehrgeiziger Assistent und Angestellter einer Aktiengesellschaft, der 28-jĂ€hrige Gawrila soll mit Nastassja Baraschkowa verheiratet und diese damit gesellschaftlich aufgewertet werden. Die beiden erhalten als Starthilfe 75.000 Rubel von ihrem Liebhaber Afanassij Tozkij. Dieser 55-JĂ€hrige wĂŒrde dadurch frei fĂŒr eine Ehe mit der 25-jĂ€hrigen Alexandra, der Ă€ltesten Tochter des Generals, der wiederum Nastassja gerne als Geliebte hĂ€tte, was Gawrila wegen der Protektion bei der finanziell fĂŒr ihn so gĂŒnstigen Eheschließung wohl zulassen mĂŒsste (1. Teil, 11. Kapitel). Der junge Mann ist allerdings im Zweifel und wird dabei von Mutter, Schwester und dem FĂŒrsten bestĂ€rkt, ob er sich auf dieses ehrlose GeschĂ€ft einlassen soll, zumal er die jĂŒngste Tochter seines Chefs, die eigenwillige, unnahbare Aglaja, liebt und von ihr ein klĂ€rendes Wort erbittet. Sie aber fordert von ihm eine Entscheidung ohne RĂŒckversicherung und antwortet: „Ich lasse mich auf keinen Handel ein“ (1. Teil, 7. Kapitel).

Das gesellschaftliche Ansehen ist fĂŒr Dostojewskis Alltagsmenschen von entscheidender Bedeutung. Als Nastassja ĂŒberraschend die Iwolgins besucht (1. Teil, 9. Kapitel), um vor ihrer Entscheidung ihre potentielle neue Verwandtschaft kennenzulernen, wird sie von Warwara, die durch ihre Kontakte mit den Jepantschins eine Ehe des Bruder mit Aglaja betreibt, auf ihr VerhĂ€ltnis mit Tozkij und ihre nicht ebenbĂŒrtig-gesellschaftsfĂ€hige Position hingewiesen. Diese reagiert auf ihre verĂ€chtliche Herabsetzung mit einem Zornausbruch (1. Teil, 10. Kapitel) und rechnet noch am selben Tag, am Abend des 27. Novembers, bei der Feier zu ihrem 25. Geburtstag selbstbewusst mit ihren WohltĂ€tern und dem von ihnen protegierten Werber ab. Ironischerweise schlĂ€gt vorher der sich gerne als Spaßvogel und Unterhalter prĂ€sentierende Ferdyschtschenko, wie Myschkin Untermieter bei den Iwolgins, ein die innere Situation der Anwesenden symbolisierendes Spiel vor: Jeder soll die schlechteste Tat in seinem Leben erzĂ€hlen (1. Teil, 13. und 14. Kapitel). Tozkij und Jepantschin, deren Taten dem Leser z. T. bekannt sind, mogeln sich mit kleinen Schurkereien aus der AffĂ€re und demonstrieren damit die Fassadenhaftigkeit ihrer Reputation. Als dann der Höhepunkt des Abends naht, fragt Nastassja zuerst den FĂŒrsten, wie er entscheiden wĂŒrde. Dieser rĂ€t ihr von einer Verbindung mit Gawrila ab, sie stimmt ihm zu, gibt die Mitgift zurĂŒck und beendet nach neun Jahren und drei Monaten die Beziehung zu Tozkij. Anschließend spielt sie ihren zweiten Bewerber Rogoschin gegen Gawrila aus, erzĂ€hlt von den verĂ€chtlichen Worten seiner Schwester Warwara ihr gegenĂŒber, wirft das von Rogoschin als Geschenk mitgebrachte Geldpaket ins Feuer und will es Gawrila ĂŒberlassen, wenn er bereit sei, sich dafĂŒr die Finger zu verbrennen. Doch dieser verzichtet. Nastassja zieht mit Rogoschin und seinem Anhang zum Feiern nach Katharinenhof, und Myschkin folgt ihnen. Die Beobachter dieser Szene haben eine böse Vorahnung, und Ptizyn fĂ€llt dazu ein japanischer Ausspruch ein. „Du hast mich beleidigt, und dafĂŒr schlitze ich mir vor deinen Augen den Bauch auf.“ (1. Teil, 16. Kapitel).

Das große Familienprojekt der Jepantschins ist weiterhin die Verheiratung ihrer Töchter. Durch den von Nastassja ausgelösten Skandal ist eine Verbindung Tozkij mit Alexandra nicht mehr gesellschaftsfĂ€hig. Nun konzentrieren sich der General und seine Frau, nachdem sich die 23-jĂ€hrige Adelaida mit dem vermögenden 35-jĂ€hrigen FĂŒrsten Sch. verlobt hat, auf die eigensinnige, an Ideen der Emanzipation („Frauenfragen“) interessierte Aglaja. Eine AnnĂ€herung Gawrilas, der sich nach dem Eklat vom General beruflich getrennt hat, versucht Lisaweta zu unterbinden, indem sie dessen durch Briefbotendienste die Verbindung vorantreibenden Geschwister (4. Teil, 1. Kapitel) nicht in ihrem Haus wĂŒnscht. Auch ihre jĂŒngste Tochter ist nach wie vor Gawrilas Entwicklung gegenĂŒber skeptisch und lehnt ihn schließlich erneut ab (4. Teil, 8. Kapitel).

FĂŒrst Myschkin – Der arme Ritter

Von diesen Alltagsmenschen mit ihren mit Kompromissen in Anpassungsprozessen lösbaren Problemen unterscheiden sich die tragischen Beziehungsgeflechte der Ausnahmemenschen. Die ersten EntwĂŒrfe zum „Idioten“ vom 17. September 1867 konzipieren als Hauptfigur einen „herrschsĂŒchtigen, leidenschaftlichen“ Intellektuellen, zu dem „als Gegengewicht [
] die Gestalt eines einfĂ€ltig-gĂŒtigen Menschen auftaucht“.cite-ref-14[14] Dieser Held dominiert seit Mitte November die Planung, wĂ€hrend sein Gegenspieler nur als Diskussionsfigur, aber nicht als die Aktionen bestimmende Person in Ippolit erhalten bleibt. Die von Dostojewski in seinen EntwĂŒrfen als „FĂŒrst Christus“ bezeichnete und von Aglaja als „armer Ritter“ bespöttelte Mittelpunktsgestalt, die als Gravitationszentrum alle Handlungen auf sich zieht,cite-ref-15[15] wird wegen ihrer komisch wirkenden, aber Sympathie ausstrahlenden Aktionen u. a. mit Cervantes Don Quijote verglichen, allerdings von Interpreten auch von ihm unterschieden, denn seine Charakterisierung folge nicht einem einfachen Gut-Böse-Schema: „FĂŒrst Myschkin ist im Wesentlichen weder ein Don Quichote, noch schön und gut nur aus GĂŒte, und beileibe kein ‚Demokrat’[
] ist auch kein Parzival oder ein Pestalozzi, sondern ist ein echter Dostojewski“.cite-ref-16[16] Der Gute handelt mitleidig durch EinfĂŒhlung in die böse Seele und ihre Deformation. Mit großer psychologischer SensibilitĂ€t analysiert er die Lage der anderen. Myschkin ist nicht nur ein TrĂ€umer, sondern erkennt durchaus auch seine eigene Situation. Er registriert den Spott der anderen ĂŒber seine Nachgiebigkeit oder seine Hilflosigkeit und macht sich wenig Illusionen ĂŒber den Erfolg seiner Hilfsaktionen, beeindruckt jedoch durch seine Menschlichkeit viele Personen wie Lisaweta Jepantschina und ihre Töchter, Kolja, Lebedew oder den Offizier Jewgenij Radomskij und die im letzten Kapitel mit diesem verbundene Wjera Lebedew.

Die Erfahrung der Isolation

Die Erfahrung der Isolation hat Dostojewski offenbar aus seinem eigenen Leben, aus seiner zehnjĂ€hrigen Verbannung als 28-JĂ€hriger in ein Straflager in Sibirien, in den Roman ĂŒbernommen und als prĂ€gende Kraft in die unglĂŒcklichen Biographien zweier Protagonisten eingearbeitet:cite-ref-17[17] Lew Nikolajewitsch Myschkin und Nastassja Filippowna Baraschkowa sind beide zu Außenseitern geworden. Er lebte lange auf einem Landgut und dann in der Schweizer Bergwelt in der Inselwelt des kranken Kindes, sie war die in einem einsamen Schlösschen gefangen gehaltene junge Sklavin. Die beiden haben mit ihren „WohltĂ€tern“ ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Deshalb reagieren die aus der Isolation Befreiten, als sie in die große Gesellschaft mit ihren strengen Regeln und Formen sowie ihren Vorurteilen geraten, unterschiedlich, mit christlicher NĂ€chstenliebe bzw. aggressiver Provokation. Beide können aber den permanenten Konfliktsituationen mit den personalen Verwicklungen letztlich nicht standhalten.

Myschkin entstammt einer verarmten alten Adelsfamilie. Nach dem Tod seiner Eltern wurde das wegen seiner hĂ€ufigen Krankheiten in seiner Entwicklung zurĂŒckgebliebene und deshalb als Idiot bezeichnete kleine Kind von dem Gutsbesitzer Nikolai Andrejewitsch Pawlischtschew aufgenommen und gepflegt. Auch finanzierte sein unverheirateter Vormund bis zu seinem Tod vor zwei Jahren seine Behandlung im Schweizer Kanton Wallis bei Professor Schneider (1. Teil, 2. Kapitel). Obwohl Lew durch die Förderung seinen sprachlichen und geistigen RĂŒckstand weitgehend aufholen konnte und recht belesen und intelligent wirkt, Ă€hnelt er in emotionaler und sozialer Hinsicht einem unerfahrenen Kind. Sein spontanes, unbekĂŒmmertes und offenes Verhalten wird von der Gesellschaft als verletzend, ungeschickt oder lustig, als „idiotisch“, empfunden. Andererseits erwecken die eigenwillige Geradlinigkeit, die naive Ehrlichkeit und Vertrauensseligkeit des Sonderlings mit ihrer unfreiwilligen Ironie, auch Sympathien. Seine Freunde schĂ€tzen seine HumanitĂ€t, seinen Blick fĂŒr Spuren des Leids in den Gesichtern und sein EinfĂŒhlungsvermögen. Sie warnen ihn jedoch immer wieder, dass er wegen seines RealitĂ€tsverlustes, seines unvorsichtigen Großmuts und der stĂ€ndigen Bereitschaft, SchwĂ€chen zu verzeihen und das Beste in den Menschen zu sehen, leicht zur Zielscheibe des Spotts und zum Opfer von Intrigen und Ausnutzung werden kann. Dies ist jedoch, da er mehrere BeschĂŒtzer hat, nicht der Grund fĂŒr seine RĂŒckkehr in die Schweizer Heilanstalt, vielmehr seine grenzenlose Opferbereitschaft, die ihn bei seinen Hilfsaktionen fĂŒr eine gesellschaftlich verachtete junge Frau physisch und psychisch ĂŒberfordert.

Nastassjas unkontrolliertes und widersprĂŒchliches Verhalten erklĂ€rt sich aus ihrer EntmĂŒndigung und den seelischen Verletzungen in ihrer MĂ€dchenzeit, deren Folgen sie sich erst spĂ€ter in St. Petersburg vollstĂ€ndig bewusst wird: Als siebenjĂ€hriges Kind (Nastja) ist sie nach dem Tod ihres aus einem Adelsgeschlecht stammenden verarmten Vaters von dem reichen Gutsbesitzer Afanassij Iwanowitsch Tozkij aufgenommen worden. Er bereitete die zwölfjĂ€hrige Schönheit in einer vierjĂ€hrigen Ausbildung in wissenschaftlichen FĂ€chern, Musik, Malerei, der französischen Sprache, Ă€sthetischen und angenehmen GesprĂ€chen und angepassten Umgangsformen in einem luxuriös ausgestatteten Lustschlösschen auf seinem Gut „Otradnoje“ auf ihr Leben als seine Geliebte vor.cite-ref-18[18] Seit ihrem 16. Lebensjahr verbrachte er vier Jahre lang jedes Jahr zwei bis drei Monate in dieser geschmackvollen Umgebung (1. Teil, 1. und 4. Kapitel). Abgeschlossen von der realen Welt, lebte sie in Isolation, wie Myschkin durch seine Krankheit. Als Nastassja von den HeiratsplĂ€nen ihres Vormunds erfuhr, tauchte sie, in ihrem Verhalten wie verwandelt, bei Tozkij in Petersburg auf und „verletzte ihn mit dem beißenden Spott [
] dass [sie] in [ihrem] Herzen nie etwas anderes empfunden habe als tiefste Verachtung [
] bis zum Ekel, der sogleich nach dem ersten Erstaunen eingetreten sei.“ Er erkennt einerseits die Gefahr, dass sie „vor [
] absolut nichts zurĂŒckschreckte, weil [ihr] nichts mehr teuer war“, und diagnostiziert „irgendein inneres, seelisches Chaos [
] etwas wie eine romantische EntrĂŒstung ĂŒber Gott weiß wen und Gottweiß was, jedenfalls ein unersĂ€ttliches VerachtungsbedĂŒrfnis“. Aber er vermutet richtig, dass sie, da sie juristisch nichts gegen ihn unternehmen kann und da „ihr eigenes Ich schon lĂ€ngst aufgehört hatte, ihr teuer zu sein [
] sie [
] imstande [war], sich selbst womöglich auf die entsetzlichste Art zugrunde zu richten“. Anfangs hat er „wie alle LebemĂ€nner seiner Epoche mit Zynismus daran gedacht, wie billig er diese Seele gekauft, die so gut wie ĂŒberhaupt noch nicht gelebt hatte“, wollte nichts unternehmen und sie ihren Schwankungen zwischen mit jĂ€hzorniger AggressivitĂ€t gemischtem, unnahbarem Stolz und Selbstzerstörung wegen ihrer verlorenen Ehre, ihrer „MĂ€dchenschande“ ĂŒberlassen, doch dann besinnt er sich, finanziert ihr eine vornehme Wohnung in der Stadt und will sie, da ihm ihre neue ZĂŒgellosigkeit apart erscheint, wieder als Geliebte ausnutzen oder, mit einer reichlichen Mitgift ausgestattet, mit „irgendeinem verstĂ€ndigen und anstĂ€ndigen Herrn“ (1. Teil, 4. Kapitel) verheiraten. Jetzt nach fĂŒnf Jahren zurĂŒckgezogenen Lebens scheint sie dazu bereit zu sein und Gawrila Iwolgins Werbung zu akzeptieren, obwohl ihr die ablehnende Meinung seiner Familie bekannt ist.

Myschkins Eintritt in die Welt der Erwachsenen

Am ersten Tag seiner Ankunft wird FĂŒrst Myschkin in seiner nicht den Alltagsmenschen entsprechenden Persönlichkeitsstruktur in die Handlung eingefĂŒhrt und gerĂ€t dadurch schrittweise in das Beziehungsgeflecht, das sein Schicksal bestimmen wird. Lisaweta Jepantschina, einer geborenen Myschkina, und ihren Töchtern gegenĂŒber prĂ€sentiert er sich z. B. bei der Demonstration seiner großen Kenntnisse sowie seines Geschicks in der Kalligraphie als interessanter Sonderling und gewinnt ihre Zuneigung, z. B. als er vor ihnen seine Situation reflektiert und sie seine TiefgrĂŒndigkeit spĂŒren: „Mein ganzes Leben war von den Kindern ausgefĂŒllt. Ich hĂ€tte mir nicht trĂ€umen lassen, dass ich jemals das Dorf verlassen [
] wĂŒrde. [A]lles Bekannte liegt jetzt weit zurĂŒck. Als ich im Waggon saß dachte ich: ‚Jetzt gehe ich zu den erwachsenen Menschen; vielleicht weiß ich noch nichts von ihnen; – aber jedenfalls beginnt jetzt mein neues Leben’“ (1. Teil, 6. Kapitel) Durch seine einfĂŒhlsamen Schilderungen, z. B. seines Schweizer Landlebens, einer Guillotine-Hinrichtung in Lyon und seiner Identifizierung mit der Todesangst des Delinquenten, die er aus eigener Erfahrung durch seine Scheinhinrichtung auf dem Semjonowplatz im Jahr 1849 und möglicherweise TodesĂ€ngste bei der Anbahnung seiner EpilepsieanfĂ€lle kennen muss, oder des Umgangs mit den Dorfkindern, welche er als Erwachsene behandelt habe, spricht er das Herz der sich ihm seelenverwandt fĂŒhlenden Lisaweta an, aber nicht ihren Verstand, der eine gesellschaftsorientierte MĂ€nnerrolle fordert, um gegenĂŒber den KonkurrenzkĂ€mpfen mit ihren Intrigen ĂŒberlebensfĂ€hig zu sein. Deshalb kĂ€me der „liebe Mensch“ fĂŒr sie als Schwiegersohn, im dritten Romanteil wird dieser Aspekt aktuell, nicht in Frage. FĂŒr ihre Tochter Aglaja wĂ€re dagegen sein Desinteresse an materiellen Dingen kein Heiratshindernis, zumal sie Aussichten auf eine gute Mitgift hat. Sie ist von seiner Geradlinigkeit und moralischen Kompromisslosigkeit beeindruckt, die ihn vom hin- und herschwankenden Gawrila deutlich unterscheidet, aber sie spottet noch mehr als ihre Mutter ĂŒber seinen mangelnden RealitĂ€tssinn, der ihn immer wieder der Gefahr aussetzt, Opfer von Ausnutzungen zu werden und von der Gesellschaft als Unikum belĂ€chelt und nicht als erwachsener Mann ernst genommen zu werden. Bereits in den ersten, den Protagonisten exponierenden GesprĂ€chen wird die zukĂŒnftige ambivalente Haltung der Öffentlichkeit sichtbar, und der Leser ahnt die ihm in der Welt drohenden Gefahren.

Myschkin und Ippolit

Typisch fĂŒr Myschkins menschlichen Umgang ist seine Reaktion auf die Forderungen der revolutionĂ€ren Theoretiker Ippolit Terentjew, Lebedews Neffen Wladimir Doktorenko und Leutnants a. D. Keller, ihren Freund Antip Burdowskij, den angeblichen Sohn seines Pflegevater Pawlischtschew aus einer nicht legalisierten Beziehung zu entschĂ€digen. Als Myschkin, obwohl er die Wahrheit ihrer aus GerĂŒchten und Erfindungen zusammengestellten Behauptungen zu Recht bezweifelt, bereit ist, Antip finanziell zu unterstĂŒtzen, weisen die Besucher sein Angebot als fĂŒr den EmpfĂ€nger unehrenhafte Barmherzigkeit zurĂŒck und erheben einen moralischen Anspruch auf einen Teil seines ihm ohne eigenen Verdienst zugefallenen Vermögens (2. Teil, 8. und 9. Kapitel). Sie verbinden ihre Forderung mit einer Kritik am Feudalsystem mit den ungleichen BesitzverhĂ€ltnissen und spielen darauf an, dass der FĂŒrst durch eine Kette von TodesfĂ€llen in seiner Familie den reichen Kaufmann Papuschin beerbt habe. WĂ€hrend die ebenfalls anwesenden Jepantschins empört sind ĂŒber diese Argumentation, die ihre gesellschaftliche Position in Frage stellt sowie auf eine radikale VerĂ€nderung der VermögensverhĂ€ltnisse zielt, und die verstĂ€ndnisvolle Reaktion des FĂŒrsten kritisieren, lĂ€dt dieser alle zum Tee ein, und es kommt zu einem GesprĂ€ch innerhalb der heterogenen Gesellschaft, v. a. zwischen der konventionellen Lisaweta und dem ĂŒber seinen bevorstehenden Tod redenden Ippolit (2. Teil, 10. Kapitel). Myschkins MitgefĂŒhl mit den sozial Benachteiligten bleibt auf die jungen MĂ€nner nicht ohne Wirkung. Sie nehmen einige seiner Hilfsangebote an, besuchen ihn in den folgenden Tagen immer wieder, feiern mit ihm seinen 27. Geburtstag und suchen den Gedankenaustausch.

Vor allem Ippolit sucht die geistige Auseinandersetzung mit dem Protagonisten und liest ihm sein Traktat ĂŒber sein Sterben vor, in dem er sein existentialistisches Weltbild formuliert. KernstĂŒck ist eine aus einer hypothetischen Vorstellung abgeleitete Argumentation: „Mag mein Bewusstsein durch den Willen einer höheren Gewalt entzĂŒndet worden sein, mag es die Welt angeschaut und gesagt haben: ‚Ich bin!’, und mag ihm dann von derselben Macht plötzlich vorgeschrieben werden, wieder zu vergehen, weil das zu irgendeinem Zweck – und sogar ohne ErklĂ€rung zu welchem – nun einmal nötig sei [
], aber es bleibt dann doch wieder die ewige Frage: wozu ist denn bei alledem noch meine Demut vonnöten? Sollte es denn wirklich nicht möglich sein, mich einfach aufzufressen, ohne von mir ein Loblied auf den oder das zu verlangen, was mich auffrisst? [
] da wĂ€re es doch weit richtiger anzunehmen, dass mein Leben einfach gebraucht wurde, mein nichtiges Leben, das Leben eines Atoms zur VervollstĂ€ndigung irgend einer allgemeinen Harmonie im Ganzen, also fĂŒr irgend ein Plus oder Minus, oder zu irgend einem Kontrast vielleicht oder was weiß ich, genau so wie tagtĂ€glich das Leben von Millionen anderer Lebewesen geopfert werden muß, da ohne deren Tod die ĂŒbrige Welt nicht bestehen könnte“. Aus dieser Überlegung folgert er: „[W]enn man mich schon einmal mit der Möglichkeit ausgestattet hat, zu erkennen, dass ‚ich bin’, dann werde ich wohl auch erkennen dĂŒrfen, dass es nicht meine Schuld ist, wenn die Welt mit allerhand Fehlern geschaffen ward und dass sie anders nicht bestehen könnte? Wer also könnte demnach noch ĂŒber mich zu Gericht sitzen und wegen welchen Vergehens? [
] jedenfalls ist das unmöglich und wĂ€re ungerecht!“ (3. Teil, 7. Kapitel).

Das GegenstĂŒck zu Ippolits Abhandlung ist die Rede des FĂŒrsten bei einer Abendveranstaltung im Haus Jepantschin ĂŒber die mit seiner christlichen Zuwendung in Verbindung stehende gesellschaftliche Vision (4. Teil, 6. Kapitel). Myschkins Vorstellung seiner Lebensphilosophie ist von einem sich anbahnenden Epilepsieanfall begleitet. Als er vom Übertritt seines Gönners Pawlischtschew zum Katholizismus hört, verliert er die Kontrolle ĂŒber sich, lĂ€sst sich in eine Diskussion hineinziehen und spricht ĂŒber die Kraft des russisch-orthodoxen Glaubens im Gegensatz zum römischen Katholizismus, der zu einer staatlichen Weltmacht degeneriert und durch die Entstellung des Christentums noch schlimmer als der Atheismus sei, und ĂŒber die Gefahr des westlichen aufgeklĂ€rten Nihilismus fĂŒr das bodenstĂ€ndige slawische Volk. Nachdem er, in einer Zwangshandlung, vor der Aglaja ihn gewarnt hat und die er unbedingt vermeiden wollte, symboltrĂ€chtig eine wertvolle chinesische Vase zerbrochen hat und seine Entschuldigung von allen mit Heiterkeit aufgenommen wird, trĂ€umt er vor der gesellschaftlichen Elite, indem er in grotesker Verkennung der RealitĂ€t die reichen Zuhörer vor berechtigter Kritik in Schutz nimmt: „Ich habe ĂŒber Sie immer so viel Schlechtes hören mĂŒssen [
] ĂŒber die Kleinlichkeit und ExklusivitĂ€t Ihrer Interessen, ĂŒber Ihre RĂŒckstĂ€ndigkeit, Ihre geringe Bildung, Ihre komischen Angewohnheiten [
] ich [
] wollte selbst sehen [
] ob denn diese ganze obere Schicht der russischen Menschen zu nichts mehr taugt, ob sie wirklich ihre Zeit schon ĂŒberlebt hat [
] dabei aber immer noch einen kleinlichen, neidischen Kampf gegen die [
] Menschen der Zukunft fĂŒhrt, denen sie Hindernisse in den Weg wirft, ohne selbst zu merken, dass sie selbst im Sterben begriffen ist?“ Nach der Zusammenfassung dessen, was ihm vor seiner RĂŒckkehr zugetragen worden sei, lobt er ĂŒberschwĂ€nglich seine Zuhörer, wobei dahinter offensichtlich die Ironie des Autors versteckt ist: Und nun „sehe [ich] elegante, offenherzige, kluge Menschen [
] sehe russische und gutherzige Menschen [
] Könnten denn innerlich Tote so mit mir umgehen, wie Sie sich zu mit verhalten? Ist das nicht Menschenmaterial 
 fĂŒr die Zukunft, fĂŒr alle Hoffnungen?“ Dann rechtfertigt er seine ungeschickten, plumpen Auftritte. Es sei „mitunter sogar ganz gut, lĂ€cherlich zu sein [
] dann kann man einander leicht verzeihen, leichter auch sich mit einander versöhnen; denn man kann doch nicht alles gleich auf einmal verstehen, kann doch nicht mit der Vollkommenheit anfangen! [
] Verstehen wir aber gar zu schnell, dann verstehen wir womöglich gar nicht richtig.“ Zum Schluss appelliert er an den Adel: „Warum sollen wir [
] anderen den Platz abtreten, wenn wir die Voranschreitenden und die OberhĂ€upter bleiben können? [
] Lassen Sie uns Diener werden, um die Lenkenden sein zu dĂŒrfen.“ Er steigert sich, in Gegenbildern zu Ippolits sich auffressender Welt, in einen euphorischen Preis der Natur und des glĂŒcklichen Lebens hinein, „Sehen Sie ein Kind an, schauen sie Gottes Morgenrot, betrachten sie einen Grashalm, wie er wĂ€chst, schauen sie in die Augen, die sie ansehen und lieben
“, bevor er mit einem Schrei des „erschĂŒtternden und niedergeschmetterten Geistes“ zusammensinkt (4. Teil, 7. Kapitel).

Epilepsie als Metapher

Myschkins epileptische AnfĂ€lle sind kurz vor ihrem Höhepunkt mit einem metaphysischen GlĂŒcksgefĂŒhl verbunden: „[M]itten in der Traurigkeit, der inneren Finsternis, des BedrĂŒcktseins und der Qual [erhellte sich] sein Gehirn fĂŒr Augenblicke gleichsam blitzartig [
] und alle seine LebenskrĂ€fte [spannten] sich mit einem Schlage krampfhaft an [
]. Die Empfindung des Lebens, des Bewußtseins verzehnfachte sich in diesen Augenblicken [
] Der Verstand, das Herz waren plötzlich von ungewöhnlichem Licht erfĂŒllt; alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe löste sich gleichsam in eine höhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer, harmonischer Freude und Hoffnung, voll Sinn und letzter Schöpfungsursache. Aber [
] diese Lichtblitze waren erst nur eine Vorahnung jener einen Sekunde, in der dann der Anfall eintrat [
] Diese Sekunde war allerdings unertrĂ€glich.“ Zwar bedenkt er, dass dieser Zustand eines „höheren Bewusstseins und einer höheren Empfindung seines Ich, und folglich auch seines ‚höheren Seins’, schließlich nichts anderes waren als eine Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“, doch kommt er zu dem Schluss, dass dieser Einwand nicht entscheidend ist, wenn sich spĂ€ter im gesunden Zustand dieser Augenblick als „höchste Stufe der Harmonie, der Schönheit erweist, als ein unerhörtes und zuvor niegeahntes GefĂŒhl der FĂŒlle, des Maßes, des Ausgleichs und des erregten, wie im Gebet sich steigernden Zusammenfließens mit der höchsten Synthese des Lebens“ Doch entsinnt er sich des „dialektischen Tei[s] seines Folgeschlusses [
] der Stumpfsinn, die seelische Finsternis, die Idiotie [stehen] ihm als Folgeerscheinungen dieser ‚höchsten Augenblicke klar vor Augen.“ Er fragt sich „[W]as tun mit dieser Wirklichkeit?“ (2. Teil, 5. Kapitel) In dieser Ambivalenz ist der Epilepsieausbruch eine Metapher des menschlichen Wesens und der metaphysischen Welt.

Todes- und Lebenssymbolik

Dieses, dem Gegensatz von Myschkins und Ippolits Vorstellungen entsprechende, ambivalente Weltbild begleitet das Changieren einer Todes- und Lebenssymbolik. Zunehmend verdichtet, von der Betrachtung des Gartenmessers mit der langen Klinge, ĂŒber die ErzĂ€hlung von einem bei seiner Tat betenden Mörder, bis hin zur Deutung eines GemĂ€ldes nach Holbein, den vom Kreuz abgenommenen Christus zeigend, gesehen in Rogoschins Haus. Das Bild beeindruckt nicht nur Myschkin, sondern auch Ippolit bei den Reflexionen ĂŒber eine Wiederauferstehung und ein ewiges Leben (3. Teil, 6. Kapitel). Im Traktat ĂŒber sein Sterben mit dem Titel »Meine notwendige ErklĂ€rung „Apres moi le dĂ©luge“ [Nach mir die Sintflut]« (3. Teil, 5. bis 7. Kapitel) beschreibt er seinen ersten Besuch bei Parfjon Semjonowitsch Rogoschin und stellt dessen VitalitĂ€t seine eigene KörperschwĂ€che gegenĂŒber: „[I]ch war ein Mensch, der schon die ihm noch ĂŒbrigen Lebenstage zĂ€hlte, er aber war so erfĂŒllt vom unmittelbaren Leben, von der Gegenwart des Lebens, ohne jede Sorge um ‚letzte’ Erkenntnisse, um Bezifferung des jeweils Erlebten“ – und doch hat der Todkranke das GefĂŒhl, dass bei ihnen „die Ă€ußersten Enden der GegensĂ€tze sich berĂŒhren“ (3. Teil, 6. Kapitel). Diese Thematik wird variiert in Lebedews auf des FĂŒrsten Geburtstagsfeier vorgetragener skurriler Apokalypse- und Menschenfresser-in-Hungersnöten-Interpretation (2. Teil, 11. Kapitel, 3. Teil, 4. Kapitel) und steigert sich ins Groteske, als Ippolit sich erschießen will, aber vergessen hat, das ZĂŒndhĂŒtchen einzulegen, und ihm dies als Komödie ausgelegt wird, worauf er bewusstlos zusammenbricht. Einige Tage spĂ€ter fragt er den FĂŒrsten nach der besten Art zu sterben. Als dieser antwortet „Gehen Sie an uns vorĂŒber und verzeihen Sie uns unser GlĂŒck“, kommentiert er diesen Rat mit „Nun ja! Weiß Gott! Schöne Phrasen! Auf Wiedersehen“ (4. Teil, 5. Kapitel).

Myschkin – Nastassja – Rogoschin

Die von Tragik ĂŒberschattete Dreiecksbeziehung deutet sich bereits im ersten Teil an: in Rogoschins ErzĂ€hlung von seiner Liebe zu Nastassja und in Myschkins Betrachtung der Fotografie Nastassjas, die diese Gawrila geschenkt hat, in Jepantschins BĂŒro (1. Teil, 3. Kapitel). Er entdeckt feinfĂŒhlig die Augen einer unglĂŒcklichen Frau: „Grenzenloser Stolz und Verachtung und nahezu Haß sprachen aus diesem Gesicht, und doch lag in ihm gleichzeitig etwas Vertrauendes, etwas erstaunlich Gutherziges; und diese Kombination erweckten sogar so etwas wie Mitleid [
] »In diesem Gesicht 
 ist viel Leid« sagt[] der FĂŒrst“ (1. Teil, 7. Kapitel). Damit wird eine Hauptthematik des Romans eröffnet: der Gegensatz zwischen den beiden Formen der Liebe Eros und Agape.

Die eigentliche, mit Rogoschin konkurrierende Liebesbeziehung zu Nastassja beginnt bei deren Geburtstagsfeier, als die Gastgeberin den FĂŒrsten um seine Meinung zur Werbung Gawrilas fragt, denn er sei „der erste [ihr] wirklich zugetane Mensch [
] Er [habe] auf den ersten Blick an [sie] geglaubt, und so glaube auch [sie] an ihn“ Dieser rĂ€t ihr von einer Verbindung mit Gawrila ab, denn er lehnt das unmoralische GeschĂ€ftsprojekt ab. Sie stimmt ihm zu, gibt die Mitgift zurĂŒck und beendet nach neun Jahren und drei Monaten die Beziehung zu Tozkij: „Morgen – beginnt ein neues Leben, heute aber bin ich noch das Geburtstagskind und gehöre mir selbst – zum erstenmal in meinem Leben!“ (1. Teil, 14. Kapitel). Als dann Rogoschin mit seiner bacchantisch-wilden, betrunkenen Truppe auftaucht und ihr 100.000 Rubel bietet, wenn sie mit ihm zusammenlebt, spielt sie ihren neuen Bewerber gegen Gawrila aus und demĂŒtigt sich zugleich in Ekstase als „Schamlose“, die lieber „mit Rogoschin in Saus und Braus“ davonziehen als so wie bisher weiterzumachen wĂŒrde: „Auf die Straße gehe ich jetzt [
] dort ist mein Platz, oder am Waschtrog!“ (1. Teil, 16. Kapitel). Myschkin warnt sie auch vor diesem „Augenblick einer krankhaften Anwandlung“ (1. Teil, 16. Kapitel), denn Rogoschin und sie wĂŒrden sich durch ihr zerstörerisches Potential gegenseitig ruinieren. Er dagegen, und damit offenbart er seine Mission, will sie durch eine Heirat retten und ihre Selbstachtung aufbauen. Eindringlich redet er auf sie ein: „Ich bin nichts, Sie aber haben gelitten und sind aus einer solchen Hölle rein hervorgegangen [
] Weshalb schĂ€men Sie sich [
] ich liebe Sie. Ich wĂŒrde niemandem erlauben, ein schlechtes Wort ĂŒber Sie zu sagen“ (1. Teil, 15. Kapitel). Auch erwĂ€hnt er, um seinen Vorschlag finanziell zu fundieren, dass er vermutlich den reichen Kaufmann Papuschin beerbt. Nastassja nimmt jedoch seine Worte offenbar nicht ernst und erwidert, er brauche eine Frau wie Aglaja. In dieser Vorausdeutung weist sie auf die kommende Entwicklung hin. Als sie am nĂ€chsten Tag mit Rogoschin Petersburg verlĂ€sst und Myschkin ihnen folgt und zeitweilig, am Anfang in Moskau, mit ihnen zusammenlebt, wird er in das befĂŒrchtete Spannungsfeld einbezogen. Mehrmals entschließt sich Nastassja, Myschkin oder Rogoschin zu heiraten, doch kurz vor den Terminen erfasst sie ihre Bindungsangst und sie flieht zum jeweiligen Rivalen und bittet ihn, sie zu „retten“ (2. Teil, 3. Kapitel). Sie schwankt zwischen zwei extremen Positionen: Wie Rogoschin durch EmotionalitĂ€t, SexualitĂ€t und seine nicht kontrollierbaren bösen Geister immer wieder von seinen VorsĂ€tzen weggetrieben wird, so reprĂ€sentiert der FĂŒrst die Grundhaltungen des Mitleids und der NĂ€chstenliebe.

Myschkin fĂŒhlt sich gerade wegen dieser Entwicklung in seinen Ahnungen bestĂ€tigt und fĂŒr Nastassja verantwortlich. Als er Anfang Juni nach Petersburg zurĂŒckkehrt (2. Teil, 1. Kapitel), will er sich sogleich mit dem Rivalen verstĂ€ndigen, dass Nastassja ins Ausland gehen und dort geistig und körperlich gepflegt werden solle und dass sie sich nicht befeinden, sondern der gemeinsamen Geliebten die Entscheidung ĂŒberlassen. Denn er liebe sie „nicht aus ‚Liebe’, sondern aus ‚Mitleid’“ (2. Teil, 3. Kapitel). Rogoschin ist jedoch nicht zu einer solchen Selbstkontrolle fĂ€hig. Er schildert verzweifelt die HassausbrĂŒche Nastassjas und ihren ihn provozierenden Spott. Sie liebe nur Myschkin, heirate ihn aber nicht, um seine Ehre nicht durch ihren schlechten Charakter zu beeintrĂ€chtigen. Er formuliert diese Situation als Paradoxon: „Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe nicht aus.“ (2. Teil, 4. Kapitel). Ihn dagegen wĂŒrde sie nur aus Hass gegen ihn und sich, also zur Selbstzerstörung, heiraten. Dies entspricht auch Myschkins Analyse, denn er hat schon lange erkannt, dass ihr geringes SelbstwertgefĂŒhl mit ihrer EinschĂ€tzung verbunden ist, nicht nur missbrauchtes Opfer zu sein, sondern an ihrer Situation auch Gefallen gefunden zu haben. Aus ihrer niedrigen sozialen Position, die sie immer wieder durch neue Aktionen sich und den anderen demonstriert, gewinnt sie wiederum in ihrer labyrinthischen Psyche masochistischen Lustgewinn. Deshalb flieht sie auch vor Myschkins Versuchen des „Zu sich Emporheben[s]“ (3. Teil, 8. Kapitel). In die Ambivalenz der GefĂŒhle sind auch die beiden MĂ€nner einbezogen. Sie tauschen nach ihrem versöhnlichen GesprĂ€ch wie BrĂŒder ihre Kreuze, und Rogoschin will dem FĂŒrsten die Geliebte ĂŒberlassen. Aber er kann seine VorsĂ€tze nicht einhalten. In seiner Besessenheit hat er Myschkin seit der Ankunft in Petersburg auf seinen Wegen durch die Stadt verfolgt und lauert ihm schließlich am Abend mit einem Messer im dunklen Treppenhaus des Gasthofs „Zur Waage“ auf, lĂ€uft aber davon, als dieser in Folge seines Epilepsieanfalls die Stufen hinabstĂŒrzt (2. Teil, 5. Kapitel). Den ganzen Tag ĂŒber hat sich der, vom ErzĂ€hler detailliert beschriebene, Ausbruch kontinuierlich aufgebaut: in einer mit verstĂ€rkter SensibilitĂ€t seiner Wahrnehmung, der Ahnung, vom Rivalen seit seiner Ankunft beobachtet und verfolgt zu werden, der „Dunkelheit und KĂ€lte in der Seele“ (2. Teil, 5. Kapitel), quĂ€lenden Erinnerungen, SelbstvorwĂŒrfen und Zwangshandlungen verbundenen Anspannung.

Im dritten Romanteil scheint diese Konfliktsituation durch die Beziehung Myschkins zu Aglaja lösbar zu sein, bricht jedoch dadurch erst in tragischer Konsequenz aus: Nastassjas Flucht vor der Heirat mit Myschkin zu Rogoschin wiederholt sich und endet fĂŒr die drei Protagonisten mit der Katastrophe.

Nastassja – Myschkin – Aglaja

Nastassja fördert in Pawlowsk nach ihren Erfahrungen mit dem FĂŒrsten eine Verbindung Myschkins mit Aglaja und intrigiert gegen den 28-jĂ€hrigen Offizier Jewgenij Pawlowitsch Radomskij durch vertrauliche, eine AffĂ€re vortĂ€uschende Zurufe. Einmal spricht sie ihn aus einer Kutsche heraus auf seine angeblichen Schulden an (2. Teil, 10. Kapitel), zum anderen stellt sie ihn auf einem Konzert vor dem Bahnhof wegen seines betrĂŒgerischen Onkels bloß (3. Teil, 2. Kapitel) In ihrer komplizierten Liebe zu Myschkin will sie durch solche Aktionen den potentiellen BrĂ€utigam Aglajas bei den Jepantschins lĂ€cherlich machen, dem FĂŒrsten das Heiratsfeld ebnen und damit ihr Gewissen entlasten, ihm zu seinem GlĂŒck verholfen zu haben, anstatt ihn in ihren schicksalhaften Abgrund hineinzuziehen. Zugleich verstĂ€rkt sie durch Briefe an Aglaja deren bereits vorhandene, hinter Spott versteckte Zuneigung zum FĂŒrsten. Aber diese erkennt zwischen den freundlichen Zeilen eine auf sie eifersĂŒchtige Frau, die das unbescholtene, behĂŒtete MĂ€dchen um den hohen sozialen Rang beneidet und zugleich dafĂŒr hasst, wĂ€hrend sie bereits ahnt, wie ihr Leben in Rogoschins dĂŒsterem Haus enden wird. (3. Teil, 8. und 10. Kapitel, 4. Teil, 11. Kapitel).

Aglajas Interesse fĂŒr den FĂŒrsten verdeutlicht bereits ihre Rezitation des Puschkin-Gedichtes vom „armen Ritter“ (2. Teil, 7. Kapitel), der fĂŒr seine, ihm in einer Vision erschienene Dame im Heiligen Land kĂ€mpft, mit ihren Initialen auf dem Schild, und spĂ€ter auf seiner Burg einsam im Wahnsinn stirbt. Anfangs interpretiert man den Auftritt Aglajas noch als Spott ĂŒber den TrĂ€umer Myschkin, da sie die Anfangsbuchstaben des Namens der Himmelskönigin durch die Nastassjas (N. F. B.) ersetzt. Doch wird ihre Einstellung fĂŒr alle sichtbar, als sie den FĂŒrsten nach der demĂŒtigen Entschuldigung seines, durch lange Krankheit bedingten, unpassenden Benehmens vor ihrer Familie in Schutz nimmt: „Hier gibt es keinen einzigen, der solcher Worte wert wĂ€re! [
] Alle diese hier [
] sind nicht einmal so viel wert wie [
] Ihr Verstand oder Herz! Sie sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie sind reiner, Sie sind klĂŒger als Alle!“ D. h. sie schĂ€tzt in ihrer gesellschaftskritischen Einstellung seine unpragmatische, nicht profitorientierte Einstellung. Dann aber schlĂ€gt ihre Stimmung in Hysterie um und sie enthĂŒllt ihre geheimen WĂŒnsche, aber auch ihren Unwillen darĂŒber, „dass man [sie] fortwĂ€hrend verheiratet“ (3. Teil, 8. Kapitel). Im Widerspruch zu dieser emanzipatorischen Position orientiert sie sich an einem konventionellen mĂ€nnlichen Rollenbild und ist von der idealistischen Kompromissbereitschaft und Nachgiebigkeit des FĂŒrsten enttĂ€uscht: „Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! [
] Kann man denn einen so lĂ€cherlichen Menschen wie Sie ĂŒberhaupt heiraten?“ (3. Teil, 2. Kapitel) Aus diesem Zwiespalt wird sie sich in der weiteren Handlung nicht lösen und situativ von einem Extrem zum anderen schwanken. Das hat sie mit ihrer Rivalin gemeinsam, auch die Egozentrik und den Hass gegenĂŒber der Konkurrentin. Als Myschkin sie nach ihrem Wutausbruch mit seiner Versicherung zu beruhigen versucht, er wolle gar nicht um sie werben, spielt sie ihren Auftritt als eine ihrer launenhaften Komödien herunter, aber sie möchte nach dem von ihm erzwungenen „Korb“ ihn doch stufenweise zu einer offenen Entscheidung gegen Nastassja drĂ€ngen. ZunĂ€chst bestellt sie ihn frĂŒh um sieben Uhr zu einer Aussprache in den Park und bittet ihn, ihr Freund zu werden und mit seiner Hilfe das Elternhaus zu verlassen, denn sie habe noch keine Welterfahrung und werde wie ein unreifes MĂ€dchen und nicht wie eine Erwachsene behandelt. Ihre kindliche Launenhaftigkeit entlarvt sie dann tatsĂ€chlich dem FĂŒrsten gegenĂŒber, als sie ihm droht, Gawrila zu heiraten, wenn er ihre PlĂ€ne nicht unterstĂŒtze. Ihr Interesse gilt aber v. a. seiner Beziehung zu Nastassja, deren Psyche er ihr analysiert, und sie will seine Bindung an eine Wahnsinnige, die ihrer Meinung nach in ein Irrenhaus gehört, ergrĂŒnden (3. Teil, 8. Kapitel). Nachdem sich durch die hĂ€ufigen Besuche des FĂŒrsten bei Aglaja, sowie ihr geheimnisvolles Igelgeschenk fĂŒr ihn, die VerlobungsgerĂŒchte verbreitet haben, ziehen auch die Jepantschins diese Möglichkeit in Betracht, und Aglaja zwingt Myschkin in einer ihrer bekannten undurchsichtigen theatralischen Aktionen zu der Entscheidung, um ihre Hand anzuhalten (4. Teil, 5. Kapitel). Ihre Schwester Alexandra diagnostiziert daraufhin hellsichtig: „Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt [
] Nur in wen, fragt es sich“. Aglaja selbst lobt des FĂŒrsten „prĂ€chtige Treuherzigkeit“ und entschuldigt sich mit den sibyllinischen Worten, die er allein in seinem GlĂŒck nicht versteht oder doch unbewusst erfasst: „[V]erzeihen Sie, dass ich auf einem Unsinn bestand, der natĂŒrlich nicht die geringsten Folgen haben kann
“ (4. Teil, 5. Kapitel).

Letztlich sucht Aglaja die Konfrontation mit Nastassja (4. Teil, 8. Kapitel). Sie spielt dabei ihre soziale Positionen gegen sie aus, verbietet sich die briefliche Einmischung in ihre Heiratsangelegenheiten und wirft ihr vor, Myschkin nicht wirklich zu lieben, sondern nur egoistisch zu quĂ€len und ihre Schande theatralisch in der Öffentlichkeit zu inszenieren. Nastassja entgegnet mit ihrer persönlichen Dominanz als Frau gegenĂŒber der kindlichen Aglaja: Sie könne dem FĂŒrsten befehlen, zu ihr zurĂŒckzukehren und sie zu heiraten, und Rogoschin wĂŒrde sie wegjagen. Als Myschkin Aglaja vorwirft, man dĂŒrfe doch eine unglĂŒckliche Frau nicht so herablassend behandeln, wird ihr die PrioritĂ€t der Schwachen und Ausgegrenzten in seiner Einstellung klar. Sie zwingt ihn zu einer Parteinahme, der er lieber ausweichen möchte, indem sie fluchtartig das Haus verlĂ€sst: Der hilflose FĂŒrst will ihr zuerst nachlaufen, bleibt jedoch bei der bewusstlos zusammengesunkenen Nastassja (4. Teil, 8. Kapitel). Damit ist die Entscheidung gefallen.

In dem die Aglaja-Handlung abschließenden GesprĂ€ch mit Jewgenij Radomskij hört Myschkin sich dessen Vorwurf, „[a]uch das Mitleid [mĂŒsse] doch eine Grenze haben!“, und seine vernunftorientierte Analyse des Vorgefallenen zerknirscht an. Die Frage „Dann wollen Sie also beide lieben?“ beantwortet er mit „Ja, ja!“, und auf die Vermutung „Wissen Sie was, mein armer FĂŒrst: am wahrscheinlichsten ist, dass Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben!“ reagiert er in fĂŒr ihn bezeichnender Weise ausweichend: „Ich weiß nicht 
 vielleicht; vielleicht haben Sie in vielem recht [
] Sie sind sehr klug [
] ach, ich bekomme wieder Kopfschmerzen [
] Um Gottes willen, um Gottes willen!“ (4. Teil, 9. Kapitel).

Aglaja heiratet spÀter in Paris einen polnischen Emigranten, dessen Edelmut und Trauer ums Vaterland sie beeindruckt, wird Mitglied in einem Komitee zur Wiederherstellung Polens und fanatische AnhÀngerin des römisch-katholischen Glaubens (4. Teil, 12. Kapitel). Dadurch erklÀrt sich nachtrÀglich, dass sie vom Patriotismus Myschkins, von seiner GlÀubigkeit sowie seinem Desinteresse an materiellen Dingen fasziniert war.

Durch die Ähnlichkeiten der Biographien vermutet man, dass Anna (Anjuta) Korwin-Krukowskaja dem Autor als Vorlage fĂŒr die Figur der Aglaja diente. Dostojewski hatte 1866 der 18-jĂ€hrigen Generalstochter, trotz ihrer unterschiedlichen ideologischen Positionen, einen Heiratsantrag gemacht, den die emanzipatorisch-revolutionĂ€ren Ideen zugeneigte junge Frau ablehnte.cite-ref-19[19] Annas Schwester, die Mathematikerin und Schriftstellerin Sophie Kowalewskajacite-ref-20[20] beschreibt in ihren Briefen die Besuche des Schriftstellers bei ihrer Familie, die an die Abendveranstaltung bei den Jepantschins erinnern.

Adaptionen

TheaterauffĂŒhrungen

‱ F. Weyl und J. W. Bienenstock in Paris (1931)
‱ Frank Castorf an der VolksbĂŒhne Berlin (2002)
‱ Andriy Zholdak am Theater Oberhausen (2011)
‱ Vladislav Grakovski am Theater Atelier in Stuttgart (2014)
‱ Milena Michalek am Theater MĂŒnster (2025)

Opern

‱ 1970: L’idiota (Luciano Chailly)
‱ 1987: Der Idiot; Musik: Karl Ottomar Treibmann, Text: Harald Gerlach/FĂ«dor Dostoevskij, Oper in 7 Bildern, UA Gewandhausorchester (Leitung: Kurt Masur), Opernhaus, 1988 Leipzig
‱ 1989: Der Idiot; Musik: MieczysƂaw Weinberg, Text: Alexander Medwedew nach Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Oper in 4 Akten, UA als Kammeroper Moskauer Kammeroper, 1991 Moskau; in ihrer originalen großen Form Nationaltheater Mannheim (Leitung: Thomas Sanderling), 2013 Mannheim.
‱ 1999/2000: Der Idiot; Musik: Thomas Blomenkamp, Text: Ulrike Gondorf, Oper in zwei Teilen nach Fjodor M. Dostojewskij, UA 2001 Krefeld

Ballette / Mimodramen

‱ 1952: Der Idiot, Ballett-Pantomime in sieben Szenen. Libretto und Choreographie: Tatjana Gsovsky, Musik: Hans Werner Henze. UA 1. September 1952 Berlin (Hebbel-Theater; mit Klaus Kinski).
‱ 1953: Der Idiot, Neufassung der Ballett-Pantomime von 1952. Libretto: Ingeborg Bachmann, Choreographie: Tatjana Gsovsky, Musik: Hans Werner Henze. UA 8. Januar 1960 Berlin (Deutsche Oper).
‱ 1979: Der Idiot, Ballett in drei Akten. Choreographie: Valery Panov, Musik: Dmitri Schostakowitsch (diverse Kompositionen). UA 25. Juni 1979 Berlin, Deutsche Oper; mit Vladimir Gelvan.

Film

‱ 1946: Der Idiot (L’Idiot) – Regie: Georges Lampin (mit GĂ©rard Philipe)
‱ 1951: Der Idiot (Hakuchi) – Regie: Akira Kurosawa
‱ 1958: Der Idiot (Nastassja Filippowna) – Regie: Iwan Pyrjew (sowjetischer Spielfilm, nur erster Teil verwendet)
‱ 1968: Der Idiot (TV-Film) – Regie: Rolf von Sydow (mit Gerd Baltus)
‱ 1985: Liebe und Gewalt (L’Amour braque) – Regie: Andrzej Ć»uƂawski (mit Sophie Marceau)
‱ 1999: Die RĂŒckkehr des Idioten (Navrat idiota) – Regie: Sasa Gedeon
‱ 2001: Down House (Đ”Đ°ŃƒĐœ Єаус) – Regie: Roman Katschanow
‱ 2003: Der Idiot (Idiot) (TV-Serie, zehn Folgen) – Regie: Wladimir Bortko
‱ 2007: Der Idiot – Regie: Frank Castorfcite-ref-21[21]

Hörspiel

‱ 1953: Der Idiot – Regie: Theodor Steiner, mit Erik Schumann, RenĂ© Deltgen und Xenia Hegmann; Produzent: Hessischer Rundfunk

Anmerkungen

cite-note-11. ↑ zitiert in: Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag MĂŒnchen, 1974, Bd. 11, S. 4732.
cite-note-22. ↑ Schreibweise der Personennamen nach der Duden-Transkriptionstabelle
cite-note-33. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980, S. 949.
cite-note-44. ↑ Walter Benjamin: Der ‚Idiot‘ von Dostojewski. In: Schriften. Band 2, Frankfurt am Main 1955, S. 127–131.
cite-note-55. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980, S. 955.
cite-note-66. ↑ Brian Johnson: The Art of Dostoevsky’s Falling Sickness. Ann Arbor 2008, S. 82. (eingeschrĂ€nkte Online-Version in der Google-Buchsuche)
cite-note-77. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: Dostojewski: Der Idiot. R. Piper Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich, 1980, S. 945.
cite-note-88. ↑ Joseph Frank: Dostoevsky. The Miraculous Years, 1865–1871. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 1995, ISBN 0-691-04364-7, S. 276.
cite-note-99. ↑ Die Reihe erschien zwischen 1906 und 1922, Der Idiot 1910. Christoph Garstka, Arthur Moeller van den Bruck und die erste deutsche Gesamtausgabe der Werke Dostojewskijs im Piper-Verlag 1906–1919, Peter Lang, Frankfurt, Berlin pp., 1998.
cite-note-1010. ↑ S. Fischer Verlage: Fjodor M. Dostojewskij, Werkausgabe, ĂŒbersetzt von: Swetlana Geier. Abgerufen am 13. September 2022.
cite-note-1111. ↑ Michail Bachtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs / Dostojewskis. Ullstein 1988, S. 10.
cite-note-1212. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980, S. 959.
cite-note-1313. ↑ In der Übersetzung von E. K. Rahsin: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980.
cite-note-1414. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980, S. 949.
cite-note-1515. ↑ Walter Benjamin: Der ‚Idiot‘ von Dostojewski. In: Schriften. Band 2, Frankfurt am Main 1955, S. 127–131.
cite-note-1616. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980, S. 955.
cite-note-1717. ↑ E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper, MĂŒnchen/ZĂŒrich 1980, ISBN 3-492-02605-2, S. 950 f.
cite-note-1818. ↑ s. Otradnoje (Leningrad) von russisch otrada: Genuss, Erquickung.
cite-note-1919. ↑ Zenta Maurina: Dostojewsij. Menschengestalter und Gottsucher. Maximilian Dietrich Verlag, Memmingen 1997.
cite-note-2020. ↑ Don H. Kennedy: Little Sparrow: A Portrait of Sophia Kovalevsky. Ohio University Press, Athens, Ohio 1983. Diese Monographie ist die Quelle fĂŒr die ErzĂ€hlung „Zu viel GlĂŒck“. In: Alice Munro: Zu viel GlĂŒck. Zehn ErzĂ€hlungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
cite-note-2121. ↑ Dunja Brötz: Dostojewskis „Der Idiot“ im Spielfilm. Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-997-8.

Weblinks

Commons

: Der Idiot

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

‱ Originaltext auf Russisch
‱ Englischsprachige Übersetzung
‱ Der Idiot bei Zeno.org., deutsche Übersetzung
‱ Paralleler Russisch-Deutscher Text in ParallelBook-Format
‱ Rezension auf dostojewsky.de
‱ AusfĂŒhrliche Kommentare zu einer Werkausgabe (russisch)
‱ Brigitte Schultze: Der Dialog in F. M. Dostoevskijs Idiot. Dissertation, MĂŒnchen 1974. (Digitalisat)
‱ Walter Benjamin: „Der Idiot“ von Dostojevskij. (online)